Was Introversion bedeutet und weshalb sie besser ist als ihr Ruf

„Warum bist du immer so still?“ Wie oft habe ich diese Frage schon gehört, und wie sehr nervt sie mich inzwischen. Ich bin introvertiert. Punkt. Das ist keine Krankheit und keine Störung. Auch kein Mangel oder Makel. Es ist meine Persönlichkeit. Was introvertiert zu sein wirklich bedeutet, wissen noch längst nicht alle, und am wenigsten die, die nicht betroffen sind. Wobei „betroffen“ schon wieder so klingt, als sei etwas nicht in Ordnung mit mir.

Introversion sollte weder abgewertet noch hochgelobt werden. Es ist ein weit verbreitetes Persönlichkeitsmerkmal, das einfach verstanden werden sollte.

Das Gegenstück zu Introversion heißt wissenschaftlich korrekt übrigens Extraversion, auch wenn umgangssprachlich der Begriff Extroversion geläufiger ist. Darum liest du bei mir ab und zu von “extravertierten” statt von “extrovertierten” Menschen - es meint aber dasselbe.

Warum Introversion häufig missverstanden wird

Viele extravertiert veranlagte Menschen können nicht nachvollziehen, was in uns Introvertierten  vorgeht. Die Meinung, dass wir doch unglücklich sein müssten, weil wir nicht so lebhaft, gesprächig und gesellig sind, ist weit verbreitet. Viele können nicht nachvollziehen, dass wir zufrieden sind, wenn wir alleine für uns sein können, dass wir kein Bedürfnis nach stundenlangem Geplauder haben und längere Erholungsphasen brauchen.

Das weckt viele Vorurteile gegenüber introvertierten Menschen: Sie seien langweilig, depressiv, unsozial, arrogant, desinteressiert, empfindlich, ängstlich oder schüchtern.

Die meisten dieser Vorurteile stimmen nicht. Sie entstehen aus der Unkenntnis darüber, was in Introvertierten vorgeht und warum sie so ruhig und häufig zurückhaltend sind. Vor allem Introversion und Schüchternheit werden sehr häufig gleichgesetzt.

Schüchternheit ist eine soziale Angst, die sich häufig schon in der Kindheit entwickelt, also anerzogen ist oder durch Erfahrung gelernt wurde. Dementsprechend ist sie auch therapierbar. Wer schüchtern ist, der leidet unter seiner Zurückgezogenheit.

Introversion ist ein angeborenes, festes Persönlichkeitsmerkmal, das nicht durch Training oder ähnliches veränderbar ist. Introvertierte Menschen lieben es, in ihre Innenwelt abzutauchen und fühlen sich selten einsam.

Niemand ist ausschließlich introvertiert oder extravertiert. Es ist eine Skala mit zwei extremen Enden, und die meisten von uns tummeln sich irgendwo um den Mittelpunkt herum. Jeder von uns hat also sowohl eine introvertierte als auch eine extravertierte Seite in sich, wobei jedoch eine klare Tendenz entweder auf die eine oder die andere Seite besteht.

Als Introvertierte/r kannst du deine extravertierten Anteile in dir trainieren und stärken. Du wirst aber nie ein „Vollblut-Extro“ werden können.

Denn ob wir introvertiert oder extrovertiert sind, ist nicht nur eine unbewusste Entscheidung, sondern auch in unseren Genen tief verankert. Diese Verankerung spiegelt sich in der Arbeitsweise unseres Nervensystems wider.

Unterschätze mich nicht, nur weil ich still bin. Ich weiß mehr als ich sage, denke mehr als ich spreche und beobachte mehr als du denkst.

Michaela Chung (geb. 1984), US-amerikanische Autorin und Bloggerin über Introversion Tweet

Die Bedeutung des Nervensystems für dein Temperament

Ohne zu wissenschaftlich an dieser Stelle zu werden, ist es dennoch wichtig zu wissen, dass die Nervensysteme von introvertiert und extravertiert veranlagten Menschen unterschiedlich arbeiten.

Du hast sicherlich schon vom vegetativen Nervensystem gehört: Sympathikus und Parasympathikus. Der Sympathikus ist der Aktivitätsnerv, der den Körper in einen höheren Erregungszustand versetzt. Sein Botenstoff im Körper ist das Dopamin. Sein Gegenspieler, der Parasympathikus, ist für Ruhe und Entspannung in den Körperfunktionen zuständig. Das wird über den Botenstoff Acetylcholin gesteuert.

Das Temperament einer Person hängt davon ab, welcher der beiden Gegenspieler in ihm dominiert. Jeder hat seine individuelle Komfortzone, in der eine bestimmte, individuelle Mischung der beiden Botenstoffe des vegetativen Nervensystems vorherrscht. Wenn dieser Zustand erreicht ist, fühlen wir uns am wohlsten und zufriedensten.

Introvertierte haben einen gröberen „Filter“, das heißt sie reagieren empfindlicher auf diese Botenstoffe. Wenn der Dopaminpegel einer introvertiert veranlagten Person steigt, weil viele intensive Sinnesreize auf sie einströmen (z.B. Musik, viele Menschen, verschiedene Lichter auf einer Party), dann hat ihr Gehirn viel zu tun. Introvertierte sind dann schnell überreizt und benötigen eine Auszeit, um alles in Ruhe im Kopf zu verarbeiten.

Darüber hinaus kreieren Introvertierte viel Anregung aus sich selbst heraus. Sie sind nicht so sehr von äußerer Stimulation abhängig. Ihre Gedankenwelt ist sehr aktiv. Wenn Introvertierte Pläne machen, kreativen Projekten nachgehen oder einfach nur träumen, bekommt ihr Gehirn ausreichend Stimulation, und ihr Dopamin-Acetylcholin-Level ist für sie Balance.

Bei extravertierten Menschen ist das anders. Sie brauchen ein höheres Dopaminlevel, um sich wohl zu fühlen, und suchen dafür Anregungen von außen. Sie sind schneller unterstimuliert, gelangweilt und unruhig, sie sind sozusagen auf Dopaminentzug.

Die Gehirne von introvertierten Menschen sind stärker durchblutet, vor allem in Bereichen, die an Planung, Gedächtnis, Erinnern und Problemlösungen beteiligt sind. Die Denkprozesse in ihren Gehirnen durchlaufen längere Wege, ziehen mehr Schleifen und binden mehr Informationen mit ein.

Darum denken sie länger über eine Antwort nach und gehen häufig „bedachter“ vor. Impulsiv und spontan zu sein fällt ihnen eher schwer.

Die Veranlagung zur Introversion hat also viel mit den angeborenen Vorgängen im Gehirn zu tun. Jetzt sollte auch verständlich sein, warum man sich seine introvertierte Art nicht „abtrainieren“ kann. 

Bin ich introvertiert?

Es gibt verschiedene Persönlichkeitstests, mit denen man die Ausprägung von Introversion und Extraversion bei sich selbst herausfinden kann.Für eine erste grobe Selbsteinschätzung genügt jedoch eine Frage: In welchen Situationen lade ich meine Akkus am leichtesten wieder auf?

Wenn du dich gerne mit Freunden und Kollegen triffst, am Wochenende gerne unterwegs bist und auf Partys auflebst, dann ist deine extravertierte Seite sicherlich stärker.

Wenn du dich gerne zurückziehst, um dich zu erholen, gerne Zeit alleine verbringst oder tiefgründige Gespräche im kleinen Kreis liebst, dann bist du eher introvertiert veranlagt.

Im folgenden Abschnitt erfährst du, welche Eigenschaften typisch für introvertierte Menschen sind. Daran kannst du ebenfalls feststellen, wie stark deine introvertierte Seite ausgeprägt ist.

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Diese Merkmale sind typisch für Introvertierte

Du genießt es, Zeit für dich zu haben.

Du verstehst, warum das so ist, wenn du den Abschnitt über die Funktionsweise des Nervensystems gelesen hast. Als Introvertierte/r brauchst du regelmäßig Auszeiten, um die Informationen und Reize in deinem Gehirn abzubauen, ohne dass du neuem Input ausgesetzt bist. Du kannst dich in dieser Zeit auch endlich in Ruhe deinem Innenleben widmen: Da schwirren so viele Ideen herum, dass es dir alleine nie langweilig wird.

Wenn ich Zeit nur für mich habe (und das ist als Mutter von Schulkindern nicht oft der Fall), verbringe ich einen Teil dieser Zeit mit Lesen. Das ist mir ganz wichtig, auch wenn ich vieles andere auf dem Zettel habe – ich brauche diese Zeit, um vom Außen in mein Inneres zu kommen. Nach dieser Erholungsphase schreibe ich häufig, da das mein Weg ist, um meine Kreativität auszuleben. Bei Schreiben kann ich mich über längere Zeit gut konzentrieren, meine Gedankengänge zu Papier bringen und schotte so meine Sinne für eine Weile von der Außenwelt ab.

Du bist ein guter Beobachter und Zuhörer.

Da dein Gehirn weniger filtert, nimmst du viele Details aus deinem Umfeld wahr. Du bemerkst Kleinigkeiten, die anderen vielleicht entgehen, und kannst Zusammenhänge erkennen, die anderen verborgen bleiben. Du bist sehr empathisch, denn du spürst, was dein Gegenüber bewegt, was er oder sie fühlt. Außerdem nimmst du die kleinsten Körpersignale bewusst oder unbewusst wahr, und kannst so fühlen, was der andere mit seinen Worten wirklich sagen will.

Gute Zuhörer sind in unserer Gesellschaft leider eine Seltenheit geworden. Durch unsere schnelllebige Zeit, die Informations- und Unterhaltungsfluten verlernen wir, uns auf eine Sache zu konzentrieren und sie tiefer zu ergründen. Als introvertierte Person bringst du die besten Voraussetzungen mit, dem entgegenzusteuern. Du kannst deine Fähigkeit zum Zuhören bewusst trainieren. Beschäftige dich mit dem Konzept des aktiven Zuhörens, und du wirst viele positive Veränderungen bemerken:

  •   Dein Gesprächspartner spürt dein echtes Interesse und vertraut dir. Dadurch werden langweilige oberflächliche Plaudereien schneller zu tiefgründigeren Gesprächen, aus denen du viel für dich lernst und mitnehmen kannst.
  •   Du wirst als sympathischer Gesprächspartner wahrgenommen, weil du interessierte Nachfragen stellst und Vertrauen ausstrahlst.
  •   Du spürst, was zwischen den Zeilen gesagt wird, was der andere zurückhält oder wofür er nicht die richtigen Worte findest. Du kannst hören, was nicht gesagt wird.

Du hast einen kleinen, aber engen Freundeskreis.

Der erste Eindruck, den andere Menschen von dir haben, ist, dass du zurückhaltend und verschlossen bist. Es dauert seine Zeit, bis du dich jemandem anvertrauen möchtest und mehr von deinem Inneren preisgibst. Viele Bekanntschaften entwickeln sich an diesem Punkt nicht weiter. Du brauchst ein hohes Sicherheitsgefühl und Vertrauen zu anderen Menschen, um dich mehr öffnen zu können.

Viele bringen diese Geduld nicht auf. Aber die, die es tun, lernen dich erst richtig kennen. Mit ihnen teilst du deine Gedanken, Meinungen, Wünsche, Träume und Ängste. Es sind tiefe und langanhaltende Freundschaften.

Du liebst Ruhe und Stille.

Du ziehst ein Abend auf dem Sofa mit einem guten Buch einer Partynacht vor. Du genießt lange Spaziergänge durch die Natur, sowohl alleine als auch schweigend mit einem vertrauten Menschen. Du kannst dich stundenlang in Tagträumen verlieren. Du brauchst ein ruhiges Arbeitsumfeld, um dich gut konzentrieren zu können. Du bist im Urlaub lieber in der Stille der Berge oder an einsamen Ufern unterwegs, als in der Hektik von Metropolen oder überfüllten Tourismus-Hotspots.

Wo es extravertierten Menschen schnell zu langweilig wird, kannst du Stille, Einsamkeit und Zeit für dich sehr genießen. Weil du diese Zeit brauchst, um dich vom Alltagstrubel, von Menschen, von Lärm, von Sinnesreizen, eigentlich von der ganzen Welt, für eine Weile zu erholen.

Da dein Gehirn viel zu verarbeiten hat, wie du schon erfahren hast, braucht es auch länger, um die vollen Speicher abzuarbeiten, ohne neuen Input aufnehmen zu müssen. Darum fühlt sich Stille für dich manchmal so erholsam an.

Leider ist unsere Gesellschaft sehr auf ständige Betriebsamkeit und Aktivität ausgerichtet. Man soll immer irgendetwas „tun“, irgendetwas Produktives machen, etwas schaffen. Ruhe und Stille haben den Ruf, zu passiv zu sein, unproduktiv, langweilig. Dieses Bild prägt uns alle, und darum fühlen wir uns oft schuldig oder haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir uns für eine Zeit der Ruhe entscheiden.

Dieses negative Verständnisbild darfst du – als introvertierte Person – ablegen. Dich für Ruhe und Stille zu entscheiden heißt, dich für eine Weile dem ständigen Aktivitätszwang zu entziehen und etwas für deine Bedürfnisse zu tun.

Eine Auszeit hilft dir...

  • deine Gedanken zu klären und zu regenerieren.
  • konzentrierter und damit produktiver arbeiten zu können.
  • mehr Gelassenheit und Ausgeglichenheit zu entwickeln.
  • zufriedener zu werden.
  • mehr Kraft für die Menschen, die dich brauchen, zu haben.
  • zu dir selbst zu kommen.
  • gesund zu bleiben, da du Stress abbaust.
  • aufmerksamer und achtsamer zu werden.
  • eine tiefere Verbundenheit mit den Menschen in deinem Umfeld zu entwickeln.

Zur Ruhe kommen zu können ist eine große Stärke von Introvertierten, und ihre Bedeutung kann in unserer hektischen Zeit nicht hoch genug angesehen werden. Diese Stärke schenkt dir Unabhängigkeit und innere Freiheit – wundervoll, oder?

Du handelst bedacht und vorsichtig.

Wenn du deine Meinung äußern willst, dann hast du sie vorher gründlich durchdacht, von allen Seiten beleuchtet, deine Worte wohlüberlegt und den richtigen Zeitpunkt abgewartet.

Wenn du dich für einen neuen Job bewerben willst, überlegst du genau, was die Vor- und Nachteile dabei sind, wie gut die Chancen für dich stehen, ihn auch zu kriegen, und ob du deinen alten Job, in dem du dich sicher fühlst und den du gut machst, wirklich aufgeben willst.

Wir introvertierte Menschen durchdenken alles ganz genau, bis wir bereit sind, unsere Gedanken in die Welt hinauszulassen – als Meinungsäußerung, als Entscheidung für etwas, als aktive Handlung oder ähnliches. Das hat auch wieder mit dem introvertierten Gehirn zu tun: Unser Mandelkern, die sogenannte Amygdala, ist leichter erregbar als bei extravertierten Menschen. Der Mandelkern ist der Teil unseres Gehirns, in dem unsere Gefühle zu einer bestimmten Situation analysiert werden, in dem aber auch unser Angstempfinden entsteht.

Wir haben daher ein höheres Bedürfnis nach Sicherheit, Vertrauen und Harmonie. Wir handeln eher sicherheitsorientiert als belohnungsorientiert. Das heißt, dass wir auf kurzfristige Belohnungen (das ist alles, was ein Glücksgefühl auslöst) weniger stark reagieren – was uns ermöglicht, erstmal über Vor- und Nachteile nachzudenken, bevor wir handeln.

Nur in stillen Wassern spiegeln sich die Sterne

Introversion in der heutigen Gesellschaft

Als introvertierter Mensch hast du es in unserer westlichen Welt nicht so leicht. Von klein auf bis ins Erwachsenenleben lernst du, dass extravertierte Eigenschaften besser sind, erfolgreicher machen und von dir erwartet werden. Du musst dich gegen Vorurteile behaupten und stößt auf viel Unverständnis.

Kein Wunder also, wenn du das Gefühl hast, auf der schlechteren Seite der “Intro-Extro-Skala” zu stehen. Ich behaupte sogar, dass Introversion bewusst oder unbewusst als Persönlichkeitsmerkmal zweiter Klasse wahrgenommen wird.

Doch Einseitigkeit hat sich noch nie als sinnvoll erwiesen. Die Evolution hat beide Temperamente als überlebenswichtig für die ganze Art „Mensch“ hervorgebracht. Ich halte uns Introvertierte für ein wichtiges Gegengewicht in unserer extravertiert-orientierten Gesellschaft.

Liebe Intros, lernt eure ganz individuellen introvertierten Potenziale und Stärken kennen und lebt nach ihnen – für euch, für eure Familien und Freunde, für eure Arbeit. Unsere Gesellschaft kann starke, ruhige, überlegte, zuhörende, achtsame, aufmerksame, gelassene, konzentrierte, unabhängige, tiefgründige, hilfsbereite, empathische Menschen wie uns gut gebrauchen!

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Autor

Autorin Lena Noa von Team Introvertiert

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